Strahlendes Lächeln

Margitta Heinecke Business-CoachMeine Kundin, Klientin, Coachee oder doch eher Patientin strahlt mit dem strahlendsten Lächeln was ich je gesehen habe. Es ist ansteckend.
Sie will sich selbstständig machen als Fotografin. Ihren Freund will sie einstellen, sie weiß nicht so recht als was, denn er kann weder fotografieren noch Büroarbeit, Buchhaltung oder Akquise. Er sieht einfach nur gut aus, ist arbeitslos und derzeit wenig motiviert, wie sie mir sagt. Als Fahrer vielleicht, meint sie. Als Fahrer? Wozu braucht eine Fotografin denn einen Fahrer? Na, wenn ich in die Kindergärten und Schulen fahre, könnte er mich doch chauffieren. Klar. Aber wovon wollen Sie ihn bezahlen? Achselzucken. Es wird schon gehen. Irgendwie. Ich nicke, nehme einen Stift und fange an zu rechnen.

Meine Kundin gibt bereitwillig Auskunft über ihre Betriebsausgaben, einige muss sie vermuten, sie weiß noch nicht, wie viel sie zum Beispiel für Werbung ausgeben will. Google Adwords ist in der Tat am Start nicht wirklich zu kalkulieren. Man gibt einen Höchstpreis für eine Kampagne an, aber der wird vermutlich anfangs nicht einmal ansatzweise erreicht werden. Also tragen wir diesen Höchstbetrag ein und haben damit sicher ein wenig Luft. Dann kommt das Thema Personal. Gehaltshöhe? Na, er soll schon vernünftig verdienen. Was verstehen Sie unter vernünftig? Na, so 2000. Brutto oder netto? Netto natürlich, schließlich soll er mich auch mal zum Essen einladen können. Ich nicke und rechne. Sie zahlen Krankenversicherung, Lohnsteuer und… auf die Bruttosumme von 3300 Euro, das Nettogehalt beträgt dann 2013,73.  Sie schaut mich erstaunt an. Die Sozialabgaben die Sie zahlen müssen, betragen 1266,28. Ihr Freund hat Anspruch auf mindestens 4 Wochen bezahlten Urlaub und natürlich auf Weiterzahlung im Krankheitsfall. Sie müssen ihm ordnungsgemäß kündigen, wenn Sie seine Dienste eines Tages nicht mehr brauchen oder wollen. Sie unterbricht mich und strahlt jetzt gar nicht mehr. Sie wollen mir meinen Freund madig machen, oder? Das bedeutet ja ein Vermögen jeden Monat, wie soll ich das denn bezahlen. Ich versuche ihr klarzumachen, dass alle diese Kosten Vorschrift sind für Festangestellte und ich mir diese nicht ausgedacht habe um sie zu ärgern. Hm. Na gut, meint sie schließlich und versucht ein Lächeln. Es gelingt nicht wirklich. Sollen wir weiter rechnen, frage ich nach einer kurzen Pause? Klar. Wir sind bei Betriebsausgaben in Höhe von rund 4500 Euro. Sie zuckt zusammen. Und dann kommt natürlich noch Ihre eigene Krankenversicherung hinzu. Macht rund 5000 Euro. Um selbst auch 2000 Euro zur Verfügung zu haben, müssten Sie monatlich inklusive der Umsatzsteuer und der Einkommenssteuer mindestens… Sie unterbrach mich mit einem ganz leisen Hören Sie auf. Das schaffe ich nie. Die Tränen saßen locker, aber die wurden denn doch tapfer runtergeschluckt. Machen wir Schluss für heute. Bitte. Sie stand auf. Klar. Wir rechnen beim nächsten Mal einmal, wie sich das ganze für Sie allein rechnet, einverstanden?! Sie nickte und huschte dann schnell hinaus. Warum nur fühlen sich Frauen immer wieder verantwortlich für das Wohlergehen ihrer Männer, Freund oder Partner? Umgekehrt ist das sehr viel seltener der Fall. Jedenfalls bei meinen Kunden in den letzten 10 Jahren.

Meine Kundin brauchte 11 Tage bis sie anrief und einen neuen Termin wollte. Ich war gerade in Leipzig für 3 Tage und musste sie auf den kommenden Montag vertrösten. Sogar auf den Abend, weil ich vorher Termine hatte. Als sie kam, war es bereits dunkel. Sie hatte abgenommen, sah blass aus und strahlte nicht ein bisschen. So schlimm?, wollte ich wissen. Noch schlimmer. Als ich meinem Freund gesagt habe, dass ich ihn nicht anstellen und bezahlen kann, hat er zuerst einmal gar nichts gesagt. Dann hat er für uns gekocht, schweigend. Auch beim Essen kein Wort. Danach hat er abgeräumt und abgewaschen und ich bin zum Fernseher um mich abzulenken. Ich hab mir Mord in Istanbul angeguckt. Total spannend. Fast hätte ich meinen Freund vergessen. Als ich dann mal zur Toilette bin, wollte ich ihn fragen, ob er nicht mit schauen möchte. Sie glauben es nicht. Sie setzte sich erst jetzt, die Tränen schossen aus ihr heraus. Ich schob ein Päckchen Tempo über den Tisch. Er war weg. Er hatte seine Reisetasche gepackt und seine Espressomaschine mitgenommen. Sonst hatte er ja nichts mitgebracht. Ein paar Bücher hab ich noch gefunden später, die hat er vergessen. Ich hab ihn angerufen, ihm immer wieder die Mailbox zugequatscht. Er geht nicht ran. Ich kann es immer noch nicht fassen. Was soll ich denn jetzt machen?
Ich wartete einen Moment mit der Antwort. Das wissen Sie doch längst selbst. Sie machen sich jetzt selbstständig, das erfordert Ihre ganze Kraft. Da stört eine Beziehung im Anfangsstadium eher als dass sie nützt. Sie konzentrieren sich voll und ganz auf Ihre Unternehmensgründung. Und so in einem Jahr, da schauen Sie mal wieder, was sich so tummelt auf dem Männermarkt. Sie schaute jetzt entsetzt. Ein Jahr? Ist wenigstens ein One-Night-Stand erlaubt? Na klar, ganz viele. Hauptsache, Sie verlieben sich jetzt nicht wieder. Halten Sie Ausschau nach Männern, die einen Job haben, die dort gefordert sind, die wenig Zeit haben so wie Sie wenig Zeit haben werden. Und wenn der Neue erfolgreich ist, dann ist das ganz bestimmt kein Hinderungsgrund. Sie grinst jetzt so, dass ich ihr altes Strahlen fast erahne. Aber noch kommt es nicht. Sie meinen, ich soll die Hände lassen von…
Von Losern, ja, das meine ich. Sie sind nicht verantwortlich für den Erfolg oder fürs Geld verdienen Ihrer Männer. Die sollen alle hübsch allein klarkommen. Gleichberechtigung ist auch in Finanzdingen ausgesprochen hilfreich.

M.H.

Gas oder Bremse? Lesen Sie in den nachfolgenden Kommentaren, wie es weitergehen könnte…


 
 
 

3 Kommentare zu “Strahlendes Lächeln”

  1. Margitta Heinecke
    27. November 2014 um 13:37

    Gas

    Gas gebenWir stellten einen neuen Finanzplan auf, strichen noch einige Posten und kamen auf Betriebsausgaben von knapp 1000,- Euro. Wenn dann im Durchschnitt 3000,- Euro reinkämen im ersten Jahr, wäre der Lebensunterhalt gesichert. Dann kalkulierten wir die Preise für Postkarten, Gruppenfotos, Serien, Dokumentationen und nahmen Videofilme mit ins Angebot. Für Schnitt und Ton würden freie Mitarbeiter hinzugezogen. Filmen konnte meine Kundin selbst, das hatte sie schon bei ihrem eigenen Imagefilm bewiesen. Wir beschäftigten uns dann wirklich mit Fakten. Personalregeln, Scheinselbstständigkeit, Rechnungsstellung und vielen kleinen aber wichtigen Details für junge Gründer. Die Probleme wurden eines nach dem anderen abgehakt. Die Unsicherheiten wichen, das Strahlen aber kam nicht wieder. Ich trimmte sie dann fast täglich auf Kundenakquise und immer wieder auf das lästige aber unersetzliche Nachhaken, auf Angeboterstellung, Rechnungsstellung, Preise verhandeln und in Kundeneinwandbehandlung. Sie fangen jeden Morgen mit Akquise an. Erst wenn Sie einen neuen Auftrag in Sack und Tüten haben, dürfen Sie sich belohnen mit … Sie fiel mir ins Wort: Mit einem One-Night-Stand. Ich musste lachen, sie aber hörte gar nicht mehr auf zu lachen. Da war es wieder. Ein kurzes Strahlen. Aber ein Strahlen.

  2. Margitta Heinecke
    27. November 2014 um 13:39

    Bremse

    Auf die Bremse tretenSie trauern jetzt erst einmal eine Weile und suchen sich dann einen netten jungen Mann. Hauptsache hübsch und sexy, einen Job muss er nicht haben, Hartz4 ist auch okay. Dann hat er den ganzen Tag Zeit für Sie, kann vielleicht Ihren Haushalt machen. Dafür muss er keine Miete zahlen wie der letzte. Den Einkauf übernehmen Sie auch weitestgehend. Sie sind den halben Tag auf Kundenakquise, rufen dabei stündlich Ihren Liebsten an und raspeln Süßholz. Den Nachmittag verbringen Sie Händchen haltend. Liebe – oder was man dafür hält – ist schließlich wichtiger als Geld zu verdienen. Vielleicht gehen Sie auch zum Jobcenter und werden Aufstockerin. Dann haben Sie jede Menge Freizeit und können sich ganz ihrem neuen Freund widmen. Ab und zu ein paar Fotos machen. Der Rest ist Freizeit. Sie sah mich erstaunt an.

  3. Margitta Heinecke
    27. November 2014 um 13:42

    Epilog

    Unser Coaching war beendet. Ich hoffte, dass sie es schaffen würde, ihr kleines Unternehmen erfolgreich aufzubauen. Nach einem Jahr bekam ich eine Einladung zur Eröffnung eines Fotosstudios in der Schöneberger Akazienstraße. Meine Kundin schien erfolgreich gegründet zu haben. Das Studio war winzig, aber es war alles an Technik vorhanden. Ich brachte eine wohl viel zu große Grünpflanze mit, bekam ein Glas Prosecco in die Hand gedrückt und bewunderte alles gebührend. Es waren schon etwa 15 Leute da, Gott sei Dank war es draußen warm, so dass sich die dann weiter Dazukommenden draußen aufhalten können. Meine ehemalige Kundin strahlte wieder ihr gewohntes Strahlen. Es hatte offensichtlich nicht nur die Existenzgründung geklappt. Ein ausgesprochen muskulöser, sehr gut aussehender Strahlemann war an ihrer Seite. Ich hielt den Daumen hoch, sie kam kurz zu mir und raunte mir ins Ohr. Einen Job hat er nicht im Moment. Aber ich muss ihn nicht aushalten. Ich hatte ein gutes Gefühl beim Verabschieden.


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