Raucher und Menschen

Margitta Heinecke Business-CoachMein Kunde, Klient, Coachee oder doch eher Patient hat sich selbstständig gemacht mit einem Seniorenservice.
Nicht Pflege, sondern eher Begleitung beim Arztbesuch, bei Einkäufen oder ins Theater.  Betreuung in Form von Bridgeabend oder Reise. Etwas für anspruchsvolle Kunden. Für Gutbetuchte. So weit so gut. Es gibt in Berlin jede Menge älterer Herrschaften, die über genügend Kleingeld verfügen und sich nach Gesellschaft sehnen. Sind die Kinder weit weg, die Nachbarn schon gestorben und der beste Freund auch nicht mehr fit genug, so nimmt man sich eben bezahlte Unterhaltung. Frau sowieso. Mein Kunde hat ein kleines aber schickes Büro in attraktiver Lage gemietet, es liebevoll und dennoch zweckmäßig eingerichtet. Großzügiges Entree mit Platz, festangestellter Sekretärin, 2 Beratungsräume für sich und den Partner. Die Webseite ist vom feinsten, die Hochglanzbroschüren glänzen, ein Imagefilm rundet das Bild ab. Meinem neuen Kunden fehlt nur eines: Ein Kunde.

Ich erfahre, dass das Gewerbe seit 5 Monaten angemeldet ist, ebenso alt ist der Arbeitsvertrag. Die Probezeit ist also rum, das bedeutet eine einmonatige Kündigungsfrist zum Monatsende. Ja, aber, ich will ihr doch nicht kündigen, wie stehe ich denn dann da? Warum haben Sie überhaupt jemanden eingestellt, wenn es gar keine Arbeit gibt? Fürs Blumengießen und Staubsaugen? Aber nein, dafür gibt es eine Putzfrau. Oh!, entfährt es mir: Die Sekretärin hat definitiv gar nichts zu tun, das Telefon klingelt nicht. In den Mails sind wahrscheinlich nur Spams und die üblichen dubiosen Angebote von Firmen, die uns Dinge verkaufen wollen, die wir nicht brauchen. Es gibt seit Monaten nichts zu tun. Sind Sie Millionär und wollen das Vermögen minimieren oder was soll das sonst? Er sieht mich betroffen an. Ganz im Gegenteil. Ich habe jetzt fast meine ganzen Ersparnisse verbraucht. Der Film hat 10.000 Euro gekostet, die Webseite 8.000, die Einrichtung… Ich unterbreche kurz. Verzeihung, haben Sie 10.000 gesagt? Und 8.000 für die Webseite? Sind Sie denn wahnsinnig, das bekommt man für ¼ oder noch weniger. Es sollte doch aber alles vom feinsten sein.
Klar, alles vom feinsten. Vom teuersten wohl eher.
Wie lange können Sie die laufenden Kosten noch bezahlen? Er zuckt die Achseln. 2, höchstens 3 Monate, dann bin ich pleite. Ich schließe kurz die Augen. Es ist immer wieder dasselbe. Die jungen Unternehmer legen los ohne nachzudenken, ohne sich Unterstützung zu holen. Sie verschulden sich über Gebühr und vor allem vollständig unnötig. Das Büro kann ich nachvollziehen, die Kunden kann man schließlich nicht in der Empfangshalle eines Hotels treffen. Aber von Co-Working-Stations hat mein Kunde noch nie gehört. Wer nur ab und zu einen Raum braucht, ist damit beim Start auf der sicheren Seite. Er mietet nur bei Bedarf und spart sich alle Fixkosten. Die Webseite war notwendig, eine kleine für etwa 1.500 Euro hätte es aber auch getan. Ältere Menschen halten immer noch gern etwas in der Hand. Flyer ja, aber auch eine Hochglanzbroschüre hätte zum Start nicht sein müssen. Das dümmste aber war, Personal einzustellen. Das hätte Zeit gehabt bis der Arbeitsanfall so hoch ist, dass man es allein nicht mehr schaffen kann. Wir schließen einen Vertrag über zunächst 10 Stunden. Dass später wahrscheinlich 20 daraus werden würden, ahnte ich schon. De facto wurden es 45 Stunden. Aber ich greife vor.

Ich begann mit dem Kunden zusammen eine Ausgabenliste zu erstellen. Er zierte sich erst etwas, mir alle Verträge vorzulegen, merkte aber dann Gott sei Dank allein, dass er mir nur Etwa-Summen nennen konnte und viele Positionen gar nicht wusste. Anhand der Verträge prüften wir die Kündigungsmöglichkeiten. Mietvertrag 3 Jahre, Telekom-Mietvertrag 5 Jahre, Versicherung… und so weiter. Mein Kunde sah mich verzweifelt an. Das müssen wir wirklich kündigen?! Ja. Und zwar sofort. Morgen ist der 1., wir kündigen fristgemäß zum 30. des Monats. Betriebsbedingte Kündigung. Keine Arbeit, kein Geld. Das geht durch. Hat meine Sekretärin denn dann wenigstens Anspruch auf Arbeitslosengeld? Das kommt darauf an, wie lange sie vorher schon angestellt gearbeitet hat. Sie war Hausfrau die letzten Jahre. Dann bekommt sie nichts, höchstens bei Bedarf Arbeitslosengeld II. Ist das etwa Hartz 4? Meinen Sie das? Nein, das will ich nicht. Auf gar keinen Fall. Die Debatte dauerte länger als eine Stunde. Ich verabschiedete mich mit den Worten. Ich bin morgen nicht in Berlin. Aber ich schreibe Ihnen heute noch die Kündigung, datiert auf morgen und maile sie Ihnen zu. Er sah mich fragend an. Sie drucken dann auf Ihrem teuren Geschäftspapier aus, unterschreiben und geben ihr die Kündigung morgen. Ich melde mich übermorgen wieder. Und wenn ich das immer noch nicht will? Was passiert, wenn ich das nicht mache, was Sie von mir wollen?
Nichts passiert. Sie zahlen dann nur Gehalt und alle Lohnnebenkosten noch einen Monat länger. Wenn Sie das unbedingt wollen, bitte! Ich bin mir fast sicher, dass er heute Nacht sehr schlecht schläft. Kann ich verstehen. Wer schreibt schon gern Kündigungen?
Schön, am nächsten Abend erhalte ich eine Mail. Alles erledigt. Sie hat es gut aufgenommen. Sie hatte schon nach ein paar Wochen vermutet, dass die Probezeit Probezeit bleibt. Schließlich wusste sie am besten, dass sie nur Zeit totschlug. Als ich nach 3 Tagen wieder im Büro aufschlug, war das Sekretariat unbesetzt. Nanu? Urlaub oder krank? Er strahlte mich an. Um sie zu entschädigen, hab ich sie von der Anwesenheit hier freigestellt. So heißt das doch, oder?! Ja, so heißt das. Okay. Wollen wir dann mal weitermachen mit dem Sparprogramm? In mühsamer Kleinarbeit konnte ich meinen Kunden davon überzeugen, dass er ab sofort 600 Euro monatlich einsparen könnte. Dann aber gingen wir zur Kundenakquise über. Mein Kunde hatte bisher einige Seniorenstifte aufgesucht, im Büro dort jeweils seine Broschüre und seine Visitenkarte hinterlassen. Haben Sie mit der Heimleitung gesprochen? Nein, nur mit dem Vorzimmer. Haben Sie später nachgefragt, nachgehakt oder nachtelefoniert? Er sah mich erstaunt an. Nee. Dass die Leiterin eines Seniorenstiftes zugeben muss, selbst kein optimales Angebot im Repertoire zu haben, ist eher unwahrscheinlich. Dort hat man kein Interesse daran. Dort sieht man Sie als potentielle Konkurrenz. Darin hatte mein Kunde noch gar nicht gedacht. Kirchengemeinden, Cafés mit Wilmersdorfer Witwen, Theaterfoyers mit älteren Alleinstehenden, dort würde ich mein Glück versuchen.  Ich hatte festgestellt, dass diese ach so teure Webseite nicht einmal suchmaschinenoptimiert war. Man konnte meinen Kunden nicht finden. Aber so alte Leute gehen doch nicht ins Internet, meinte er trocken. Erstens tun das alte Leute durchaus und zweitens haben diese alten Leute Kinder, die für sie dort nachschauen. Ich klemmte mir die Anmerkung, dass wenn wirklich niemand im Internet nachschaut, man auch keinen Internetauftritt braucht. Aber natürlich sind mittlerweile auch Achtzigjährige online. Wir mussten eine fähige Kraft mit der Suchmaschinenoptimierung. beauftragen, denn der Webdesigner, der meinem Kunden 8.000 Euro abgeknöpft hatte, war nicht in der Lage dies zu tun. Davon, einen Anwalt zu beauftragen, einen Teilbetrag zurückzufordern, wollte mein Kunde partout nichts wissen. Das war doch so ein sympathischer junger Mann. Klar. Nett aber doof, kommentierte ich. Und Sie haben Unsummen dafür bezahlt.

M.H.

Gas oder Bremse? Lesen Sie in den nachfolgenden Kommentaren, wie es weitergehen könnte…


 
 
 

3 Kommentare zu “Raucher und Menschen”

  1. Margitta Heinecke
    8. Januar 2015 um 11:19

    Gas

    Gas gebenOkay, die Webseite wird jetzt gefunden. Allerdings nicht unter allen Keywords, die Ihr Kunde wahrscheinlich eingibt. Ich schlage vor, dass Sie jetzt Anzeigen bei Google AdWords schalten. Dann vervollständigen Sie die Listen mit den Kirchengemeinden in den Bezirken wo die Besserverdiener wohnen und besuchen jedes Seniorentreffen. Dort bitten Sie Pastor oder Betreuer um ein kurzes Wort. Sie stellen sich und Ihr Angebot vor, machen ein günstiges Kennenlernangebot und drücken jedem Senioren eine Ihrer tollen Broschüren in die Hand. Sie merken sich den Termin der nächsten Treffen und gehen dann noch einmal hin und fragen jeden einzelnen, ob er sich vorstellen kann, von Ihnen zu einem Event seiner Wahl begleitet werden kann. Seien Sie konkret, suchen Sie vorher Theaterstücke und Kinofilme raus. For ever young im Renaissancetheater und die Mittwochsfilme im Eva zum Beispiel. In der Pianobar am Lietzensee setzen Sie sich zu einem der schon etwas gebrechlichen älteren Herrschaften und drücken ihm oder ihr die Broschüre in die Hand. Sie gehen jeden Nachmittag in Cafés, bleiben 1/2 Stunden und gehen dann ins nächste. Sie werden lästig. Sie setzen das ganze so lange fort, bis ein Kunde angebissen hat. Verkaufen hat immer auch was mit Penetranz zu tun.

  2. Margitta Heinecke
    8. Januar 2015 um 11:19

    Bremse

    Auf die Bremse tretenSie ziehen weder das Sparprogramm durch noch machen Sie Akquise. Sie setzen sich ans Telefon und warten darauf, dass es weiterhin nicht klingelt. Sie harren der Dinge die da nicht kommen, so lange Ihr Geld eben reicht. Dann setzen Sie Ihr Mobiliar in Ebay-Kleinanzeigen, dann halten Sie noch einen Monat länger aus. Wenn Sie Glück haben zwei. Sie fragen Ihren Vermieter, ob er mit einem Nachmieter einverstanden ist, dann suchen Sie den und versuchen Jalousien, Lampen und Teppichboden an ihn zu verkaufen. Wenn Sie Glück haben, übernimmt der Nachmieter auch den Telekomvertrag. Vorausgesetzt, die Telekom spielt da mit. Und dann suchen Sie sich wieder eine Feststellung. Mit 58 haben Sie noch 9 Jahre bis zum Rentenalter. Oder aber Sie machen all das auch nicht. Dann können Sie selbst Hartz 4 beantragen.

  3. Margitta Heinecke
    8. Januar 2015 um 11:20

    Epilog

    Mein Kunde entschied sich dann sehr schnell für Variante 1: Sparen und Geld verdienen. Ich unterstützte ihn durch permanentes Nachfragen und Bohren, durch das Fixieren aller Aktivitäten und jede Woche durch Auswertung der Akquiseversuche. Und dann geschah es. Ein sehr alter Herr wollte die Dienste meines Kunden in Anspruch nehmen. Ein größerer Auftrag sogar mit hervorragender Bezahlung. Der alte Herr wollte seinen Bruder und seinen Cousin in Virginia besuchen. Er hatte Flugangst und wollte per Schiff und Bahn oder Bus fahren. Und mein Kunde sollte ihn begleiten. Das ganze würde lange dauern und monatlich mit 5.000 Euro bezahlt werden. Reisekosten exklusive. Davon könnte er seine Bürokosten zahlen und monatlich mindestens 3.000 Euro zurücklegen. Ich freute mich solange für ihn bis er mich anrief und mich wissen ließ, dass er den Auftrag nicht annehmen könne. Der alte Herr war starker Raucher, mein Kunde hasste Rauch noch mehr als ich. Für 15.000 Euro würde ich mich aber überwinden. Mein Kunde sagte indes: Raucher und Menschen passen einfach nicht zusammen. Nun denn! Dann mal weiter mit der Akquise. Hoffentlich ist der nächste Kunde nicht Veganer oder Whiskytrinker. Oder irgendwas anderes gänzlich Unzumutbares.


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